Forschung

Projekte
Den sozialwissenschaftlichen Kern des Forschungsverbunds bilden fünf Feldforschungsprojekte, die sich von unterschiedlichen Seiten dem sozialen Kapital in Überlebenssituationen nähern.
Im Teilprojekt Familie fragen wir, inwieweit sich Familiennetzwerke der Überlebensgesellschaft anpassen können und inwieweit sie gleichzeitig neue interne Probleme verarbeiten können. Das Teilprojekt Gemeinschaft beschäftigt sich damit, ob Gemeinschaftsbildungen unter Umbruchsbedingungen Sinnbezüge stiften, Integration fördern und Identität stabilisieren kann. Teilprojekt Vertrauen stellt die Frage, ob und wie es möglich ist, in experimentellen wie unsicheren Überlebenssituationen Vertrauen zu schaffen. Im Teilprojekt Charisma wird untersucht welche Rolle charismatischen Akteuren in Konstellationen des Umbruchs und des Überlebens zukommt. Schließlich ist im Teilprojekt Alltag die Frage nach der Selbsthilfefähigkeit von Menschen in prekären Lebenssituationen zu beantworten.

Begriffe wie Exklusion, Fragmentierung, oder Schrumpfung verweisen auf gesellschaftliche Umbrüche, die zwar bereits in der Öffentlichkeit angekommen scheinen, denen aber ein geisteswissenschaftliches Fundament noch fehlt. Seit den Untersuchungen von Coleman (1988), Putnam (1993), Cusack (1999) und anderen gibt es deutliche Belege dafür, dass „soziales Kapital“ in Umbruch- und Überlebenssituationen sehr wichtig sein und die Art und Weise, die Richtung der Bewältigung von gesellschaftlichen Veränderungen bestimmen kann. Unter Überlebenssituationen verstehen wir Veränderungen der sozialen Zusammenhänge, die eine Reproduktion des gegebenen sozialen Kapitals in Frage stellen, also zu dessen Erosion, Auflösung und gegebenenfalls Verlust führen, aber auch dessen Neuaufbau und Reorganisation auslösen können. Überlebenssituationen sind also Gefährdungen der sozialen Existenz der Individuen in ihren gesellschaftlichen Kontexten. Sterbende Dörfer, Industriedistrikte oder Stadtquartiere, sich auflösende oder möglicherweise neu bildende bürgerschaftliche Netzwerke und Familienzusammenhänge kennzeichnen solche Überlebenssituationen.

Fallstudien
Im Umbruch der europäischen Gesellschaften reicht es nicht, die Frage nach der Bedeutung sozialen Kapitals aufzuwerfen und Methoden der Bestandsaufnahmen zu entwickeln. Vielmehr ist die Veränderung von Sozialkapital im Zuge gesellschaftlicher Umbrüche, also Auflösung und Verlust, Neubildung und Reorganisation von Communities, bürgerschaftlicher Selbstorganisation, familiären Netzwerken und Generationenzusammenhängen zu thematisieren. Alle Teilprojekte haben sich methodisch für ethnografische Fallstudien entschieden, um die Daseinsbewältigung in Überlebenssituationen in einer offenen Feldforschung rekonstruieren zu können. Die Fallstudien sollen einerseits Schlaglichter auf für das Thema relevante Umbruchsszenarien werfen und anderseits die unterschiedlichen disziplinären Modelle und Methoden am empirischen Gegenstand in Verbindung bringen. Ziel ist nicht, das Thema umfassend empirisch abzudecken, sondern in ausgewählten „Tiefenbohrungen“ die entwickelten Konzepte und interdisziplinären Schnittstellen heuristisch zu erproben.
Innerhalb der Fallstudien werden sowohl biografische offene als auch Leitfaden gestützte Interviews zum Einsatz kommen. Darüber hinaus dienen teilnehmende Beobachtungen dem Erschließen des Feldes und einer Verdichtung des gewonnenen Wissens. Das Verbundprojekt soll die Erkenntnisse darüber vertiefen, welcher Elemente, Akteure und Prozesse es bedarf, damit soziales Kapital neu entstehen kann. Mit Hilfe der Ergebnisse sozialwissenschaftlicher Forschung soll es möglich werden, einen Dialog über verloren gegangenes Vertrauen, fehlende Sicherheiten und gefährdete Gemeinschaften innerhalb der Gesellschaft zu initiieren.

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