Call out Wittenberge

Plan b: Sophia New und Daniel Belasco Rogers

Call Out Wittenberge war weder eine Performance noch ein Theaterstück, sondern eine Strategie, um in einer Web 2.0-Ära den Menschen in Wittenberge Mut zu machen.

Bei unserer Internet-Recherche für das Projekt stellten wir fest, dass die Google Earth-Ansicht von Wittenberge kaum Informationen über die Stadt bietet. Wir beschlossen, diesen Missstand zu beheben und die Bewohner der Stadt in unsere Arbeit mit einzubeziehen, weil wir der Ansicht waren, dass Einheimische die besten Texte über Wittenberge verfassen können.
Dabei verfolgten wir zwei Strategien: Zum einen fotografierten wir Wittenberger an jeweils dem Ort, der für sie eine besondere persönliche oder historische Bedeutung hatte. Auf diesen Portraitaufnahmen war zu sehen, wie sie Sprechblasen mit ihren persönlichen Kommentaren hochhielten. Zum anderen stellten wir an drei verschiedenen Stellen des öffentlichen Raumes einen Hochsitz auf, um unerwartete Perspektiven auf die Stadt zu eröffnen. Diese sperrigen, zunächst deplaziert scheinenden Objekte ermöglichten ganz praktisch, „von oben“ auf bekannte Straßen zu blicken. Gleichzeitig funktionierten sie als künstlerischer Kommentar und standen zeichenhaft für die Unmöglichkeit, ein Gemeinwesen aus einer getarnten Position heraus zu beobachten. Gewissermaßen im Gegenzug zu den Studien der Soziologen konnten die Wittenberger bei uns aus der Rolle des Betrachteten in die Rolle des Betrachters schlüpfen. Die Hochsitze luden Passanten dazu ein, ihren Alltag kurz zu unterbrechen, eine Leiter hinaufzuklettern, Blicke und Gedanken schweifen zu lassen und in aller Ruhe Notizen über die Stadt oder an ihre Bewohner zu hinterlassen. Damit, dass wir vom Hochsitz am Ende der Packhofstraße aus plötzlich Hirsche beobachten konnten, hatten wir nicht gerechnet. Die hier entstandenen Notizen und die Kommentare der Porträtierten schickten wir an Google Earth, wo sie die Satellitenansicht von Wittenberge erläutern sollten.
Am Anfang unserer Arbeit vor Ort überraschte uns zunächst, dass fast alle Wittenberger, die wir mit den Sprechblasen portraitierten, ihre Stadt positiv beschrieben. Im Gegensatz dazu erlaubte die Anonymität der Hochsitze kritischere Kommentare, zumeist die Sorge über den Verfall des gemeinschaftlichen Zusammenlebens. Auf dem Hochsitz an der Ecke Bäcker-/Bahnhofstraße fanden wir beispielsweise folgende Kommentare:
“Liebe Jugend, denkt an Euer Leben, denkt an Eure Zukunft, baut Euch eine Zukunft auf! Macht Euer Leben nicht mit Leichtsinn, Drogen, Null-Bock-Phasen u. Gewalt kaputt!”
“Der Ort meiner Kindheit. Weg. Abgerissen. Vernichtet. Zukunft?”
Auch wenn Google Earth sechs Monate nach Beendigung des Projekts scheinbar noch immer nicht weiß, wie sie mit solchen Kommentaren umgehen soll, haben es neun weitere Kommentare, die Einheimische während des Projekts über Wittenberge notiert haben, auf den Google-Earth-Stadtplan von Wittenberge geschafft. Wir recherchieren zurzeit neue Wege, um die gesammelten Daten zu präsentieren – eventuell werden wir die Dateien auf das zugänglichere Google-Maps überspielen. Im Moment kann man die Google-Earth-Daten von unserer Homepage herunterladen.

zum Seitenanfang