Daumenkino
Volker Gerling: Bilder lernen laufen, indem man sie herumträgt
In meiner Auseinandersetzung mit fotografischen Daumenkinos beschäftige ich mich vorwiegend mit Porträts von Menschen. Die Porträtierten wissen vorher meist nicht, dass ich sie nicht nur einmal fotografieren werde, sondern innerhalb von 12 Sekunden einen ganzen Film belichte. Meine auslösende Kamera zwingt sie, ihre Posen aufzugeben, die sie bewusst oder unbewusst einnehmen, wenn sich meine Kamera auf sie richtet. Ihre Gesten und Emotionen entstehen so aus dem Moment, dem Augenblick und zeigen eine unmittelbare Schönheit des Wahren und Wesentlichen.
Seit Jahren lege ich meine Daumenkinos auf einen Bauchladen und gehe mit meinem „Wanderkino“ zu den Menschen und lade sie ein, sich meine Filme anzuschauen. „Bitte besuchen sie meine Wanderausstellung” steht auf einem Schild, welches am Bauchladen hängt. Zunächst habe ich meine Daumenkinos in Berlin auf öffentlichen Plätzen gezeigt, später dann auch in Kneipen, Cafés und Bars. Irgendwann wollte ich herausfinden, wie die Menschen auf dem Land auf meine Filme reagieren. Ich beschloss, auf die Walz zu gehen. Ich zeigte meine Daumenkinos landauf landab, schlief im Zelt und lebte von dem, was mir die Besucher meiner Ausstellung zu geben bereit waren. Verteilt auf mehrere Sommer lief ich rund 2500 Kilometer durch Deutschland. Den Bauchladen trug ich die ganze Zeit vor mir her und porträtierte einige der Menschen, die ich unterwegs traf, für neue Daumenkinos.
Im Sommer 2008 bin ich von Berlin nach Wittenberge gelaufen. Ich habe eine Woche in Wittenberge gelebt und den Menschen meine Daumenkinos gezeigt: auf der Straße, dem Markt, in einer Kleingartenkolonie. Von meinen Erfahrungen in Wittenberge berichtete ich in einem Bühnenprogramm, das auf meinen Erlebnissen und Begegnungen von acht Monaten Leben auf Wanderschaft basiert. Ich blätterte die Daumenkinos unter einer Videokamera ab, während ein Beamer die Bilder auf die Leinwand projizierte. Aus Daumenkino wurde Daumenkino-Kino. Begleitet wurde das Programm von den Geschichten der Menschen, die ich für meine Daumenkinos porträtieren durfte, einigen philosophischen Gedanken zu Fotografie und Film, zu den Lücken zwischen den Bildern und zur „Eigenzeit“.
In Wittenberge begegnete ich Tobias, einem 13-jährigen Jungen, der im Kinderheim lebt. Er warf 50 Cent in mein Honigglas und sagte, dass er kreative Menschen gerne unterstützt, weil er selber auch ein kreativer Mensch sei. Wir verabredeten uns am nächsten Tag zum Fotografieren, aber Tobias kam nicht und ich habe ihn eine ganze Woche lang vergeblich gesucht.
In der Fußgängerzone traf ich einen Mann, der von einer Bühnenkarriere als Kabarettist träumte. Er wollte sich nicht von mir fotografieren lassen. „Wenn alles so läuft, wie ich mir das vorstelle, werde ich mich noch oft genug fotografieren lassen müssen“, sagte er.
Vor einem Imbiss wurde ich von einem Geschwisterpaar auf ein Bier eingeladen. Irgendwann nahm die Schwester ihren Bruder zur Seite und fragte ihn, ob es stimmt, was sie gehört habe; dass er ins Gefängnis müsse. Als der Bruder den Verdacht bestätigte, fing die Schwester an zu weinen. Ihr Bruder nahm sie in den Arm und tröstete sie: „Hör uff zu heulen jetzt. Du kannst mir nicht helfen, ich muss da alleine durch. Ich schaff’ das. Schluss jetzt!“
Am ersten Tag meiner Wanderschaft begegnete ich kurz hinter Berlin einem Rentner. Er war sehr wackelig auf den Beinen und lief einen Teil des Pilgerweges nach Bad Wilsnack. Als die Rede auf Wittenberge kam, erzählte er mir, dass er nach seiner Pensionierung von Berlin dorthin gezogen sei, aber aufgrund seiner gesundheitlichen Probleme nun wieder in Berlin lebe. Er hatte sehr gerne in Wittenberge gelebt. Am Ende unseres Gesprächs bemerkte er, dass ihm aufgefallen sei, dass die Jugend sehr an Wittenberge hängen würde: „Auch die, die weggegangen sind“, sagte er, „die kommen immer wieder“.
