Stücke

Im Auftrag des Maxim Gorki Theaters Berlin haben die Autoren Thomas Freyer, Philipp Löhle, Fritz Kater und Juliane Kann Theaterstücke geschrieben, die auf die Analysen der Sozialwissenschaftler unmittelbar Bezug nehmen. Wo die Forscher auf Exklusion, Fragmentierung und Schrumpfung stoßen, finden die Dramatiker Zurückgebliebene, Wiederkehrer und eine Stadt, die im Fieber liegt.

IM RÜCKEN DIE STADT
Thomas Freyer
Uraufführung am 30. Januar 2010 im Gorki Studio Berlin

Welche Lebenspläne existieren an den Orten, wo es keine Arbeit und keine Zukunft mehr zu geben scheint? Wer redet von den Leerstellen und Verlusten und wer lehnt sich dagegen auf? Ina studiert in der Metropole. Zum Geburtstag des Großvaters muss sie für einen Anstandsbesuch zu ihrer Familie in die Heimatstadt zurück. Ihr Vater ist vor ein paar Jahren gestorben. Im Gegensatz zu ihrer Mutter hat er es nach der Wende beruflich nicht gepackt. Nur die Großeltern trauern noch um den „standhaften Schwiegersohn“. Ina beschäftigen die alten Geschichten. Im Spiegel der eigenen Lebensplanung kreisen die Stimmen der Älteren über den Wert und Charakter von Arbeit und Leben, die es so längst nicht mehr gibt. Ihr Ex-Freund Daniel ist in die Heimatstadt zurückgekehrt, die in Zeiten der Globalisierung klassischer Industrien im Umbruch ist. Daniel schlägt sich mit den verschiedensten Jobs durch. Gerade wieder hat ihn Heiko für sein Freizeitparkprojekt angefragt. Doch Daniel will nicht.

Ina Britta Hammelstein Ingrid Ruth Reinecke Daniel Jörg Kleemann Heiko Leon Ullrich Nachbarn Wilhelm Eilers, Ulrich Anschütz, Jörg-Martin Wagner Regie Nora Schlocker Bühne Natascha von Steiger Kostüme Marie Roth Musik Jörg-Martin Wagner Dramaturgie Andrea Koschwitz

DIE ÜBERFLÜSSIGEN
Philipp Löhle
Uraufführung
Premiere am 28. Mai 2010 im Gorki Studio Berlin

Der Mensch definiert sich über Heimat, Zugehörigkeit, über Arbeit, Tätigkeit, Beschäftigung. Stolz zeigt er auf das von ihm Geschaffene. Zwar gibt es meistens einen, der besser ist als er, aber es findet sich auch immer einer, der schlechter ist. Zwischen diesen beiden Polen versucht der Mensch, sein Gleichgewicht der Zufriedenheit herzustellen, seine Möglichkeiten, seinen Ehrgeiz und sein Verhalten den Umständen des Erreichten anzupassen. Das gehört zum Spiel. Zum großen Spiel unserer Gesellschaft. Gewinner und Verlierer teilen sich das Spielfeld. Aber dann gibt es eben noch den Rand des Spielfelds und das, was dahinter liegt. Eine graue, unbestimmte Masse von Spielern, die erst gar nicht ins Spiel gekommen ist, die in einer Nische ein unbeachtetes Dasein fristet, ausgeschlossen ist. Wie die Dorfbewohner von Lükke, die keinerlei Versuch unternehmen, am Spiel teilzunehmen. Als Eddie aus der Stadt nach dem Tod seiner Eltern nach Lükke zurückkehrt, unternimmt er alles, um einen Umbruch herbeizuführen. Vom Stadtleben gehetzt, erkennt er die Qualitäten des Dorfes. Doch die Bewohner weigern sich. Sie wollen keine Touristen. Resignation, Bequemlichkeit oder Stolz? Eddie kämpft bis zur Verzweiflung.
Hobbes bezeichnet das als armselig, ekelhaft und kurz, meist auch einsam. Aber das stimmt nicht, denn die Überflüssigen werden zahlreicher und sie wissen um ihre Überflüssigkeit: Denn wer am Spielfeldrand steht, darf zwar nicht mitspielen, kann dafür aber jederzeit vom Spielfeld davonlaufen.
Eddie Spaghetti Seuss Robert Kuchenbuch Uwe / Chris Gunnar Teuber Ellen Ninja Stangenberg Fitz Horst Kotterba Die Bank / Frau vom Shampoo / Branko Sabine Waibel Regie Dominic Friedel Bühne Natascha von Steiger Kostüm Karoline Bierner Dramaturgie Carmen Wolfram

WE ARE BLOOD
Fritz Kater
Uraufführung am 5. Mai 2010 im Maxim Gorki Theater Berlin

Sommer 1985. Zwei Paare in einer idyllischen Landschaft. Der stellvertretende Minister macht Tim ein verlockendes Angebot. Doch das kommt zu spät. Der Reaktor brennt. Zwei Jahrzehnte später in derselben Gegend: wieder ein Unfall und ein Angebot. Lisa kümmert sich um ihren verunglückten Bruder Benni, der mit dem krebskranken Justin im Krankenhaus liegt. Bauingenieur Tom plant im „am schnellsten wachsenden Regionalzentrum nördlich von Berlin“ ein gigantisches Feriendorf für Kranichtouristen. Nach dem Autobahnbau muss es in der Gegend weiter vorangehen. Raffael kämpft mit allen Mitteln gegen den Ausverkauf dieser einzigartigen Biosphärenlandschaft. Der Aderlass von Mensch und Natur in seiner Heimat muss gestoppt werden. Denn längst schlägt die Natur zurück: ÜberLeben in Nordbrandenburg.
Nach „HEAVEN“ (Friedrich Luft Preise 2007) untersucht Fritz Kater in seinem neuen Theaterstück die realen Zukunftschance einer Region und stellt die fatale Alternativsetzung zwischen Bewahrung der Landschaft und ihre ökonomische Nutzbarkeit in Frage. Der zur Rettung einer Region nötige Eingriff in das ökologische System gleicht dem chirurgischen Eingriff in das System des menschlichen Körpers und fordert Subsidiarität heraus und Widerstand.

Yves Schlee Hilke Altefrohne Susan / Justin Regine Zimmermann Hilmar, stellvertretender Minister / Professor Zwerenz Peter Kurth Tim Schlee / Tom Max Simonischek Lisa Julischka Eichel Beni, Bruder von Lisa Matti Krause Rafael Carlo Ljubek Richter Schlicht, Vater von Justin Christian Kuchenbuch Andreas Leupold Regie Armin Petras Bühne und Kostüme Susanne Schuboth Choreographie Berit Jentzsch Dramaturgie Andrea Koschwitz

FIEBER
Juliane Kann
Premiere am 3. Juni 2010 im Gorki Studio Berlin

Diese Stadt in der Prärie hat Fieber. Von allen guten Ärzten verlassen beschließt sie, sich selbst zu therapieren. Denn “Menschen bilden eine Stadt bildet Menschen bilden eine Stadt”: Es liegt an Ramon und Mimi, an Sabine und Jan, an Robert und Ricarda wohin die Fieberkurve der Stadt führt. Es liegt an der Stadt, ob die Menschen, die sie bilden, gehen oder bleiben. Im Innern der Stadt gerät etwas in Bewegung. Bewegung erzeugt Reibung, erzeugt Wärme, wo Fieber ist, wird gelebt. Die Stadt geht den Verletzungen nach und begegnet Krankheitsgeschichten, die Lebens- und Liebesgeschichten sind. “man kann wunderbar vor den kleinen Abgründen fliehen, indem man sich mit den großen Abgründen beschäftigt. Die Welt ist ein Aquarium.”

Sabine Ruth Reinecke Jan Wilhelm Eilers Ramon Johann Jürgens Mimi Sina Kießling Robert Raphael Käding Ricarda Anne Müller Regie Anna Bergmann Bühne Natascha von Steiger Kostüme Claudia González Espíndola Musik Heiko Schnurpel Dramaturgie Ludwig Haugk

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