Theater

Seit Herbst 2007 geht das Maxim Gorki Theater Berlin zusammen mit Sozial- und Geisteswissenschaftlern den Fragen nach sozialem Kapital und Überlebensstrategien im Umbruch europäischer Gesellschaften nach. Das Anliegen des Maxim Gorki Theater Berlin ist es, einerseits die Forschungsarbeit der Soziologen und Ethnologen in der ehemaligen Industriestadt Wittenberge und den europäischen Vergleichsregionen mit den Mitteln der darstellenden Kunst zu befragen und zu begleiten und andererseits die Methoden des Theaters vor den Augen der Wissenschaft offen zu legen und kritisch hinterfragen zu lassen. Theater und Wissenschaft verbindet dabei die Suche nach Bildern, Begriffen und Ausdrucksformen für den Dialog mit einer sich verändernden Gesellschaft. Das Maxim Gorki Theater Berlin beteiligt sich an dieser Suche mittels dramaturgischer und künstlerischer Recherche, mit Stückentwicklungen, Inszenierungen und Sonderveranstaltungen.

In der ersten Phase der Zusammenarbeit hatten Wissenschaftler und Theaterschaffende parallel zu ihren Recherchen Gelegenheit, sich in ihren unterschiedlichen Arbeitszusammenhängen zu begegnen und sich mit den jeweils anderen Fragen und Herangehensweisen an den gemeinsamen Gegenstand vertraut zu machen. Die Künstler eigneten sich die sozialwissenschaftlichen Daten, Thesen und Analysen im Laufe ihres Entstehungsprozesses an und entwickelten daraus eigene performative Interpretationen.

Im Juli 2008 wurden erste Ergebnisse dieses Austausches in einem öffentlichen Forum in Wittenberge einem lokalen und auswärtigen Publikum vorgestellt. In dieser Verbindung aus Theaterspektakel und wissenschaftlicher Konferenz wurden Performances und Installationen gezeigt, die von Umbruchserfahrungen und Aufbruchsversuchen in Wittenberge erzählen. Das Maxim Gorki Theater gastierte mit Armin Petras‘ Inszenierung „Heaven (zu tristan)“. Das Stück spielt in Wolfen, einer Stadt in Sachsen-Anhalt, die eine ähnliche Deindustrialisierungserfahrung wie Wittenberge aufweist, und beschreibt anhand einzelner Biographien den Verlust von Heimat, Identität und Erinnerung infolge des Rückbaus einer ganzen Region. Wolfen ist wie Wittenberge geprägt durch Abwanderung von Industrie und Wegzug jüngerer Generationen auf der Suche nach Arbeit und Perspektive. Wo einst Zelluloid, „der Stoff für Erinnerungen“, hergestellt wurde, werden Erinnerungen nun mit dem überzähligen Wohnraum abgerissen. Und die Zurückgebliebenen kämpfen gegen die Zumutung, sich überflüssig zu fühlen. In Wittenberge traf die Aufführung von „Heaven (zu tristan)“ einen Nerv, nicht ohne das einheimische Publikum zu polarisieren: Während die einen in den Geschichten auf der Bühne ihre eigenen Lebensumstände und Erfahrungen wieder fanden, befürchteten andere die abwertende Assoziation mit einer „Verliererstadt“. Diese Art von Rückmeldungen durch die Öffentlichkeit sind in all ihrer Widersprüchlichkeit unverzichtbarer Bestandteil des gesamten Projektes – als Realitätsbezug und Lackmustest für die Aussagekraft der erarbeiteten Analysen.

Für die zweite Phase der Kooperation hat das Maxim Gorki Theater im Januar 2009 Stückaufträge an vier Autoren vergeben. Die Dramatiker Fritz Kater, Philipp Löhle, Thomas Freyer und Juliane Kann erarbeiten teils in direktem Austausch mit den Wissenschaftlern, teils in dezidiert persönlichem Zugang Stücktexte im Kontext der Forschungsfragen. Auf dem Forum Anfang Oktober 2009 in Wittenberge wurden erste Fassungen dieser Texte in Werkstattaufführungen durch Studierende der Berliner Schauspielschule „Ernst Busch“ der Öffentlichkeit vorgestellt.

In der dritten Phase des Kooperationsprojektes wurde die Studiobühne des Maxim Gorki Theater Berlin für sechs Monate zum Labor für die Darstellung und Bearbeitung soziologischer und ethnologischer Befunde mit künstlerischen Mitteln. Im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltungsreihe zwischen Januar und Juni 2010 erarbeiteten dort junge Regisseure und Schauspieler gemeinsam mit Autoren und Wissenschaftlern regelmäßig Interpretationen der vorgelegten Rechercheergebnisse. Die Suche nach allgemein zugänglichen, sinnlich-emotionalen Darstellungsformen für wissenschaftliche Erkenntnisse bildet dabei einen wesentlichen Bestandteil der Arbeit. Diese letzte Phase der Kooperation findet ihren Abschluss in einem überregionalen Forum vom 3. bis 5. Juni 2010 in Berlin. Dort werden im Rahmen einer mehrtägigen Konferenz am Maxim Gorki Theater die Inszenierungen der vier entwickelten Stücke Premiere haben und in unterschiedlichen Veranstaltungsformaten die abschließenden Ergebnisse des Forschungsverbundes zur Diskussion gestellt.

Aus der Kooperation mit dem Forschungsverbund erwächst dem Maxim Gorki Theater Berlin die für ein Theater nicht alltägliche Gelegenheit der längerfristigen Fokussierung auf ein komplexes Recherchethema. Innerhalb einer Spielzeit übergreifenden Zeitraums von drei Jahren wird so eine tiefgehende Auseinandersetzung möglich, die neben der Entwicklung von Stücktexten und Inszenierungen möglichst wirksame Impulse für den angestrebten Dialog mit der Öffentlichkeit zum Ziel hat. Nicht zuletzt versprechen wir uns von der Auseinandersetzung mit den Fragen, Begriffen und Methoden der Sozialforscher weiterführende Fragestellungen und Anregungen für unsere künftige Theaterarbeit.