Europa
Polen zeigt trotz durchaus dynamischer wirtschaftlicher Entwicklung noch immer erhebliche Transformationsprobleme – strukturelle Defizite, hohe Arbeitslosigkeit, erhebliche regionale Disparitäten. Neben der Landwirtschaft stehen alte Industrien wie Bergbau und Hüttenindustrie vor riesigen Anpassungsproblemen.
Im Oberschlesischen Industriegebiet, zu dem der Vergleichsfall Czerwionka-Leszczyny gehört, sind diese besonders ausgeprägt. Die Entwicklung ist sehr widersprüchlich, sowohl innerhalb der Region wie in Relation zur prosperierenden Hauptstadtregion Mazowiecki.
Czerwionka-Leszczyny, eine Stadt mit ca. 28.000 Einwohnern im Rybniker Kohlebezirk (ca. 640.000 Einwohner), ist von den Umstrukturierungen stark betroffen. Charakteristisch ist etwa die überproportionale Langzeitarbeitslosigkeit. Mit der Schließung der Kohlegrube 2000 ist die Arbeitslosigkeit nochmals stark angestiegen (über 2.500 Arbeitsplätze wurden abgebaut).
Vor dem Hintergrund erheblicher sozialer Verwerfungen/Fragmentierungen werden – ähnlich wie in Wittenberge – ausgewählte Vergemeinschaftungsformen und Vergemeinschaftungsprozesse untersucht: Spielen diese angesichts genannter Verwerfungen eine vergleichbare Rolle wie in Wittenberge? Welche Relevanz haben sehr unterschiedliche regionale Milieus? Welchen Beitrag leisten solche Formen und Prozesse für soziale Integration und Identitätsstabilisierung angesichts der Krisenprozesse? Inwieweit ist mit diesen Formen und Prozessen wiederum die Bildung von sozialem Kapital verbunden? Unterschiede in der Industrialisierungsgeschichte und Milieuherkunft, in ethnischer Zusammensetzung der Bevölkerung und Transformationsverlauf usw. lassen für die beiden problematischen regionalen Kontexte neben Gemeinsamkeiten aufschlussreiche Besonderheiten erwarten. Im Mai 2009 findet eine gemeinsame Feldforschungsphase in Polen statt.
Das Forschungsprojekt „Families and Social Capital“, angesiedelt an der London South Bank University, beschäftigt sich unter der Leitung von Prof. Rosalind Edwards mit ähnlichen Fragen, theoretischen und empirischen Fragestellungen wie das Kasseler Projekt. „Bonding oder Bridging?“ stand auch hier im Zentrum der Analyse. Allerdings liegt der Schwerpunkt auf der Situation in Großbritannien, die durch die Migrationsgeschichte des British Empire eine nach außen gerichtete Dimension hat, während die deutsche Diskussion eher auf die scheinbar unvergleichbare Problematik ostdeutscher ‚Schrumpfung’ fokussiert ist. Durch die Diskussion von Ergebnissen aus unterschiedlichen nationalen bzw. regionalen Kontexten soll das Verständnis für die europäische Dimension des sozialen Wandels vertieft werden. Außerdem können sich in der Kontrastierung wichtige weiterführende und offene Fragen hinsichtlich einer Kernfrage der Sozialkapitaldiskussion ergeben: Kann der ‚Alleskleber’ des ‚binding social capital’ auch innovative Resultate haben? Und kann umgekehrt der ‚Transmissionsriemen’ des ‚bonding social capital’ in bestimmten Umbruchssituationen auch kontraproduktiv sein?
Prof. Edwards wird im Wintersemester 2009 in Kassel sein, um Ergebnisse ihres Projektes, und die aufgeführten offenen Fragen mit den Kasseler Wissenschaftlern und den im BMBF-Projekt integrierten Forschern zu diskutieren.
Die Kleinstadt Victoria liegt am Fuße der Südkarpaten, im zentralen Bereich Rumäniens. Die Kleinstadt war seit ihrer Gründung Anfang der 50er Jahre bis zum Jahr 1989 ein wichtiges Zentrum der chemischen Industrie in Rumänien. Der ständig wachsende Arbeitskräftebedarf des dortigen chemischen Kombinats und einiger anderer Großbetriebe machten Victoria zu einer lebendigen Kleinstadt. Wegen ihres Status als Vorzeigestadt und als Paradebeispiel der Sozialistischen Republik Rumänien durfte Victoria keine Kirche haben. Zum Zeitpunkt der politischen Wende 1989 zählte die Stadt mehr als 10.000 Bewohner. Sie wies eine gute städtische Infrastruktur und ein doch „halbformelles“ Religionsleben auf. Das Jahr 1989 markierte jedoch den Anfang einer langwierigen Krise für das chemische Kombinat und damit für die lokale Wirtschaft. Mehrere Wellen von Entlassungen, Umstrukturierungen und Betriebsschließungen folgten. Das Kirchenleben dagegen erlebt seit der Wende 1989 eine neue Blütezeit. Wie in vielen anderen europäischen Kleinstädten, die im Übergang zu einer postindustriellen Zeit ihr wichtigstes „Rückgrat“ und Überlebensgrundlage – die Industrie – verloren hatten, wurde auch in der Kleinstadt Victoria eine allgemeine Verschlechterung der Arbeits- und Lebensbedingungen, Verarmung und Abwanderungswelle der jungen Bevölkerung in Gang gesetzt.
Im Hinblick auf einen Vergleich mit der Kleinstadt Wittenberge in Brandenburg wurde in Victoria eine ähnlich konzipierte Fallstudie durchgeführt und den gleichen Forschungsfragen nachgegangen, nämlich: Wer sind die charismatischen Figuren in Victoria, die in krisenhaften Zeiten „gute Arbeit und gutes Leben“ versprechen? Wie schaffen sie Vertrauen? Wie gelingt es ihnen, Ressourcen zu mobilisieren und Menschen an sich zu binden? Um diese Fragen zu beantworten, wurden in zwei intensiven Forschungsaufenthalten qualitative Interviews mit lokalen Persönlichkeiten und Beobachtungen des Stadtlebens durchgeführt.
Die dänische Kleinstadt Nakskov hat, ökonomisch betrachtet, ähnliche Prozesse durchlaufen wie Wittenberge. Sie liegt im Süden von Dänemark auf der Insel Lolland und gehört, abseits der Hauptstadt, zu den Peripherien des Landes. Die 14.800 Einwohner wurden 2007 mit sechs weiteren Städten zur Lolland Kommune mit 49.500 Einwohnern zusammengelegt.
Die identitätstiftende Werft, gegründet 1916, schloss 1987 und entließ etwa 1.100 Mitarbeiter und zahlreiche Zulieferer ins Ungewisse. Eine weitere große Fabrik verlegte ihre Produktion nach Großbritannien. Die Erwerbslosigkeit stieg auf über 20 % und das landesweite Bild von Nakskov als Stadt der Arbeitslosen und Armen entstand.
Mit Hilfe des neuen Bürgermeisters und eines Kredits konnte das ehemalige Werftgelände 1999 bereinigt und ein neues Fabrikgebäude für Windkraftanlagen gebaut werden. Das Unternehmen beschäftigt heute etwa 500 Arbeitskräfte, die Kommune setzt auf alternative Umwelt- und Energietechnologien. Seitdem ist die Arbeitslosigkeit gesunken und die Krise scheint überwunden.
Während der dreimonatigen Feldforschung in Nakskov wurde folgenden Fragen nachgegangen: Welche Formen subsistenter Strategien bestehen in einem Land, das in noch größerem Maße als Deutschland von einem dichten Netz an Weiterbildungs-, Gesundheitsversorgungs- und Arbeitsaktivierungsangeboten durchwoben ist? Welche Erfahrungen haben ehemalige Werftarbeiter nach der Schließung gemacht? Wie sind sie mit dem Wandel umgegangen und welche Strategien haben sie eventuell entwickelt? Wie hat sich die Krise im kollektiven Gedächtnis der Einwohner niedergeschlagen?
Durch eine Spiegelung der Ergebnisse in Wittenberge und Nakskov sollen neue Perspektiven auf Unterschiede und Vergleichbarkeiten eröffnet und die je eigenen Ressourcen und Kombinationen der Strategien verdeutlicht werden.
Die Vergleichsuntersuchung in Kroatien konzentriert sich auf eine ehemalige Industriestadt im traditionell landwirtschaftlich geprägten Gebiet Slawonien. Der Vergleichsort Nova Gradiška, eine Kleinstadt mit ca. 15.000 Einwohnern (laut Zensus 2001), befindet sich im südwestlichen Teil Ostkroatiens, in der Gespanschaft Brod-Posavina, nahe der Grenze zu Bosnien und Herzegowina. Gegründet wurde die Stadt 1748 unter dem Namen „Friedrichsdorf“ als Siedlung an der Militärgrenze der Österreich-Ungarischen-Monarchie. Nova Gradiška trägt deshalb den Titel „Jüngste Stadt Kroatiens“. Zum Gebiet der Stadt gehören auch die unmittelbar angrenzenden Ortschaften Kovačevac, Ljupina und Prvča.
Nova Gradiška befindet sich in einer Region, die neben Mittelkroatien zu den am stärksten umkämpften Gebieten des Krieges der 90er Jahre gehörte. Die während und nach dem Krieg meist überstürzte und wenig erfolgreiche Privatisierung der, zu jugoslawischen Zeit hochentwickelten Industrien, führte zusätzlich zu den Kriegsschäden zu einer Deindustrialisierung und wirtschaftlichen Stagnation, die einen Diskurs um Abwanderung und Schrumpfung in der Stadt hervorgerufen hat, („Arbeit gibt es nicht, die Jugend wandert ab“). Mit dem Krieg und der Privatisierung sind die ehemals großen Industrien der Holzverarbeitung, der Metallverarbeitung sowie die Nahrungsmittel- und Textilindustrien verschwunden oder stark geschrumpft. Die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfolgreiche private Möbelindustrie „Josip Kruljac und Söhne“ wurde nach dem 2. Weltkrieg unter dem Namen „Stjepan Sekulić“ verstaatlicht und erfolgreich ausgebaut. Zugleich wurde der metallverarbeitende Industriekomplex „Tang“ angesiedelt, der im jugoslawischen Raum mit seiner Spezialisierung auf Werkzeuge und Maschinenteile marktführend war. Heute sind von diesen ehemals riesigen Industriekomplexen meist nur noch Ruinen und Brachflächen sichtbar. Von den ehemals über 5.000 Beschäftigten dieser Industriestadt arbeiten heute noch ca. 500 Arbeiter in den, meist von ausländischen Investoren aufgekauften, „Restindustriekomplexen“.
Das kroatische Arbeitsamt konstatiert für 2008 eine Zahl von ca. 3.700 Arbeitslosen. Lokale Initiativen zum Aufbau erfolgversprechender Industrien zeigen seit diesem Jahr erste Erfolge, werden innerhalb der Bevölkerung Nova Gradiškas jedoch kaum wahrgenommen. In diesem Gebiet, in dem Arbeitslosigkeit fast schon zur Normalität geworden ist und wenig Vertrauen in und nur geringe Hilfe durch staatliche Institutionen vorherrschend ist, wird das Überleben zu einer existenziellen Frage und bewirkt, dass die Bevölkerung abseits von staatlichen Förderungen ihr Überleben durch ein hohes Maß an Eigeninitiative sichert. Erste Erfahrungen im Feld zeigen, dass sich die Überlebensstrategien einiger Informanten vor allem darauf konzentrieren, ein Minimum an Existenz zu sichern und den Alltag zu gestalten. Hierzu gehören unter anderem die Verbindung von städtischem Leben mit dörflicher Tradition durch landwirtschaftliche Subsistenzproduktion im eigenen Kleingarten und Stall sogar im Zentrum der Stadt, aber auch die Vernetzung der Stadtbevölkerung mit Verwandten auf dem Land, was zur Sicherung der wichtigsten Nahrungsmittel beiträgt. Der Arbeitslosigkeit wird zum Teil auch durch eine ausgedehnte räumliche Mobilität entgangen, sei es durch Saisonarbeit am Meer, Arbeit im 60 Kilometer entfernten Slavonski Brod oder gar die temporäre Verlegung des Arbeitsplatzes ins Ausland.
Die Vergleichsuntersuchung in Nova Gradiška vom Oktober 2008 bis Januar 2009 wurde von Christin Meichsner in Zusammenarbeit mit Valentina Baćac und Tihana Rubić durchgeführt. Nach der ersten Sichtung literarischen Materials und einer mehrtägigen Begehung des Untersuchungsortes wurden in einer ersten Erhebungsphase Experteninterviews (November-Dezember) durchgeführt. Neben diesen Interviews wurde durch teilnehmende Beobachtungen und informelle Gespräche mit der lokalen Bevölkerung der lokale Kontext weiter erschlossen. In einer zweiten Erhebungsphase, die sich z.T. mit der ersten überschneidet (Dezember-Januar) wurden mehrstündige Interviews mit Menschen durchgeführt, die entweder arbeitslos sind oder deren Erwerbssituation durch instabile Arbeitsverhältnisse geprägt sind. In diesen Interviews wurde neben der Biografie der Informanten auch auf die konkrete Ausgestaltung ihres Alltags eingegangen.
Informelle Kleinstunternehmen
Das an der “St. Kliment Ohridski” Universität in Sofia angesiedelte und von Prof. Tanya Chavdarova geleitete Forschungsprojekt untersucht informelle Kleinstunternehmen als eine Überlebensstrategie in städtischen und ländlichen Regionen (Sofia und verschiedene Orte auf dem Land) in einer postsozialistischen Perspektive. Das Projekt fragt danach, welche Rolle Vertrauen als alltägliche Grundlage für Kommunikation und Kooperation bei informeller Selbstständigkeit spielt. Neben der offiziellen (regulären) Ökonomie und der offiziell als illegal (kriminell) erachteten Ökonomie stellt die informelle Ökonomie einen dritten Bereich innerhalb der ökonomischen Sphäre dar (Chavdarova). Informelle Unternehmen sind durch die Herstellung und den Verkauf von Gütern oder Dienstleistungen in die Marktwirtschaft eingebunden. Die geschaffenen Werte werden aus steuerlichen, arbeitsrechtlichen und/oder Gründen der sozialen Absicherung aber vor dem Staat verborgen oder von ihm nicht erfasst. Damit kann bei informellen Geschäften nicht auf offizielle, rechtliche Absicherungsmechanismen zurückgegriffen werden. In Bezug auf Bulgarien wurde oft von einer Kultur des Misstrauens gesprochen. Es stellt sich die Frage, wie es Selbstständigen unter diesen Umständen gelingt, Vertrauen in ihren Geschäftsbeziehungen aufzubauen. Wie schließen sie beispielsweise Verträge und wie sichern sie deren Einhaltung ab?
Grenzgebiet, Lokalität und Ethnizität – Bewältigungs- und Aneignungsstrategien in Grenzregionen Ungarns
In peripheren und ökonomisch benachteiligten Regionen entwickeln sich oft zuerst und gerade in diskriminierten Gemeinschaften innovative unternehmerische Aktivitäten. Unter diesem Blickwinkel beschäftigt sich dieses ungarnweite Forschungsprojekt unter Leitung von Prof. Endre Sík damit, wie sich verschiedene ökonomische – sowohl informelle wie formelle – Beziehungen zwischen unterschiedlichen lokalen Akteuren herausbilden und wie sie funktionieren. Untersucht wird die Rolle von kulturellem Kapital (wie Lokalpatriotismus, Regionalbewusstsein, Ethnizität etc.) und von Netzwerkkapital. Gefragt wird weiter nach nationalen und internationalen Migrationsstrategien (oder deren Fehlen) sowie nicht zuletzt nach möglichen „ethnischen“ Strategien, die als Folge eines fehlenden Zugangs zu oder als unintendiertes Ergebnis erfolglosen Kämpfens um Ressourcen entstehen. Das Projekt ist als qualitative Gemeindestudie auf Basis von Feldforschungen in vier unterschiedlichen ungarischen Regionen angelegt. Zwei Regionen wurden dabei für den Vergleich ausgewählt:
1. South-Baranya (Harkány – Siklós – Villány – Boly – Mohács “pentagon”)
Diese Region zeichnet sich durch räumliche Benachteiligungen, eine starke soziale Segregation ebenso wie erfolgreiche wirtschaftliche Kooperationen zwischen Kleinunternehmen innerhalb sich selbst so verstehender ethnischer Gruppen (Schwaben, Kroaten und Roma) und neuen „migration experiments“ (nach Kanada und Schweden) aus.
2. Abaúj (Szikszó – Encs – Edelény – Szendrő “tetragon”)
Diese Region ist fast vollständig deindustrialisiert und gilt heute als die benachteiligste in ganz Ungarn. Familien vor Ort versuchen ihr Überleben dadurch zu sichern, dass sie Migrationsmustern folgen, die sich bereits in vorsozialistischer Zeit herausgebildet haben, wie das regionale Pendeln oder die Arbeitssuche im Ausland.
